Verbände warnen vor „Energiesparfarben“

Aktuell taucht in der Öffentlichkeit wieder einmal vermehrt Werbung für „wärmedämmende Farbe“ oder „energiesparende Anstriche“ auf. Die Anbieter versprechen unter anderem weniger Heizkosten und mehr Klimaschutz. Untersuchungen des Instituts für Bauphysik der Leibniz Universität Hannover* im Auftrag des Verbandes für Dämmsysteme, Putz und Mörtel e.V. (VDPM) und des Verbandes der deutschen Lack- und Druckfarbenindustrie e. V. (VdL) haben nun ergeben: Diese Beschichtungen sind energetisch wirkungslos.

Die Angaben der Hersteller zur Wärmeleitfähigkeit der Farben und zur möglichen Energieeinsparung halten einer wissenschaftlichen Prüfung nicht stand. Beispielhaft wurde die Farbe „BAUTER Nano-Dämmung“ von der Firma BAUTER Deutschland GmbH (Berlin) untersucht. Nach Angaben von BAUTER besteht die Farbe aus kleinen vakuumierten Polymer-Mikrokugeln mit einem Durchmesser von 0,0004 mm bis 0,005 mm, welche die Wärmestrahlung reflektieren und so die Wärme im Gebäudeinneren halten sollen. Es wird mit einer Wärmeleitfähigkeit von Lambda λ = 0,0000877 W/(m K) geworben, bestätigt durch ein Zertifikat des polnischen TÜV Rheinland (TÜV Rheinland Polska Sp. z o.o. vom 12.06.2024). Das Zertifikat weist Unklarheiten in der Formulierung auf, der Inhalt wird von Experten als zweifelhaft eingestuft.

 

Unrealistischer λ-Wert

Dr. Ing. Ayman Bishara, Professor für Bauphysik an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Holzminden, hat zum Lambda-Wert (λ) festgestellt: „Selbst Hochleistungsdämmstoffe wie Vakuumisolationspaneele (VIP) erreichen nur λ ≈ 0,002–0,006 W/(m·K). Der von BAUTER angegebene Wert von 0,0000877 W/(m·K) unterschreitet diesen Bereich um den Faktor 30 - 60 und liegt damit nahezu auf dem Niveau eines Vakuums, das als einziges physikalisches System eine annähernd verschwindende Wärmeleitung aufweist. Für eine Beschichtung aus organischen Bindemitteln, Pigmenten und Additiven ist ein solcher Wert grundsätzlich nicht erreichbar.“ Kritisiert wird zudem, das Fehlen normgerechter Prüfunterlagen und unabhängiger Laborergebnisse in den Herstellerangaben.

 

Keine messbare wärmedämmende Wirkung

An der Universität Hannover wurden bei den Untersuchungen des thermischen Verhaltens der BAUTER Nano-Dämmung drei identische würfelförmige Versuchskörper in einer Klimakammer unter gleichen Bedingungen getestet:

  • einer mit der „BAUTER Nano-Dämmung“
  • einer mit herkömmlicher Fassadenfarbe
  • einer mit herkömmlicher Wärmedämmung (EPS 032, Dicke 20 cm)

Als Bewertungsgröße der Wärmedämmwirkung wurden an allen Versuchskörpern die elektrischen Energiemengen gemessen, die für die Beheizung und Aufrechterhaltung der gleichen Innenlufttemperaturen benötigt wurden. Die Innenlufttemperatur wurde konstant auf +40°C gehalten, während die Außentemperaturen in einer Klimakammer auf +5°C, +10°C und +15°C eingestellt wurden. Der Energieverbrauch zur Aufrechterhaltung der Innenlufttemperatur wurde gemessen.

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Nabil A. Fouad und Dr.-Ing. Torsten Richter kamen zu einem klaren Ergebnis: Die „BAUTER Nano-Dämmung“ verhält sich wie der Probekörper „Neutrale Farbe“ und zeigt keine messbare wärmedämmende Wirkung. Der Versuchskörper mit EPS 032 zeigte die mit großem Abstand beste Wärmedämmwirkung und den geringsten Energieverbrauch.

 

Ergebnisse sorgen für Klarheit im Markt

VDPM und VdL sehen sich durch die Ergebnisse in ihrer Verantwortung gegenüber Fach-betrieben und Verbrauchern bestätigt. „Innovative Produkte müssen sich an objektiven Prüfstandards messen lassen“, betont Antje Hannig, Geschäftsführerin des VDPM. „Die Ergebnisse helfen, Klarheit im Markt zu schaffen, unseriöse Dämmversprechen zu entlarven und nicht begründete Zuschüsse als Einzelmaßnahmen oder als Komplettsanierung beim BAFA oder bei der KfW zu verhindern.“ Unabhängig davon dürfen in Deutschland zur Berechnung des Energiebedarfs von Gebäuden bzw. für den Energieausweis nur nationale Bemessungswerte der Wärmeleitfähigkeit von Wärmedämmstoffen bzw. Bauprodukten verwendet werden.

Die maßgeblichen Verbände haben ein gemeinsames Positionspapier zum Thema veröffentlicht. Es steht auf den Webseiten der Verbände zum Download zur Verfügung (Download VDPM).

*(Der vollständige Prüfbericht der Universität Hannover ist beim VDPM und beim VdL erhältlich. Eine Veröffentlichung oder werbliche Nutzung des Berichts bedarf der Genehmigung des Instituts.)

Über den VDPM

Der Verband für Dämmsysteme, Putz und Mörtel e.V. (VDPM) repräsentiert die führenden Hersteller von Fassadendämmsystemen und deren Zubehör, Außen- und Innenputzen, Mauermörtel und Estrich. Im Sinne seiner Mitgliedsunternehmen engagiert sich der VDPM für eine effiziente Interessenvertretung gegenüber der (Fach)Öffentlichkeit, der Politik, sowie den Behörden und Institutionen auf deutscher und europäischer Ebene. Die Fachgremien des VDPM erarbeiten und bewerten dabei Grundlagen und Vorschläge zu Technik- und Umweltschutzthemen sowie zum Arbeits- und Gesundheitsschutz, beteiligen sich an Forschungsvorhaben und leisten erfolgreiche Presse- und Normungsarbeit. Für Planer, Architekten und Bauherren stellt der Verband eine Vielzahl herstellerneutraler Informationen zur Verfügung und ist kompetenter Ansprechpartner.

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